Über sexuelle Vorurteile in der klassischen Musik (in der Berliner Morgenpost und anderswo)

smileKunstkritik ist lediglich Meinung, und jeder Kritiker hat ein Anrecht auf seine eigene Meinung. Obwohl ich gelegentlich anderer Ansicht bin, reagiere ich öffentlich nur dann, wenn Tatsachen falsch dargestellt werden.

Im Mai diesen Jahres las ich eine Kritik von einem Herrn Felix Stephan über ein Konzert, bei dem ich im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin auftrat – es war sogar mein Philharmonie-Debüt. Dabei wurden mir eine Auswahl interessanter Attribute zugeschrieben, und ich habe mit keinem der Etiketten, die Herr Stephan wählte, ein Problem.

Im zweiten Absatz jedoch war im letzten Satz zu lesen, dass ich „mit unverkennbarem Babybauch“ die Bühne betrat.

Nachdem ich damit fertig war, meinen Kaffee falschherum durch die Nase zu inhalieren, las ich es nochmal. Der Artikel suggerierte, dass ich „bisher“ eine Art Lolita-Hexengeigerin gewesen sei, aber da ich jetzt in meinen Vierzigern angekommen sei und außerdem schwanger, werde ich wohl ruhiger werden.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll aufzuzählen, was alles mit den Annahmen von Herrn Stephan nicht in Ordnung ist. Dass eine Musikerin, von der er schreibt, „man schafft es kaum, Auge und Ohr von ihr abzuwenden“, seinem Temperament irgendwie eher entgegenkommen würde, wenn sie sich schwängern ließe, ist eine Beleidigung für mein Geschlecht. Als ob das einzige, was eine femme fatale (so seine Worte) bezwingen könnte, Schwangerschaft und Kindererziehung sei, beschloss er für sich, für seine Leser und seine offenbar kurzsichtigen Redakteure, dass ich demnächst ein babbelndes Bündel Babyglück auf dem Schoß haben würde.

Ich möchte daher meinen Lesern versichern, dass ich ganz sicher nicht schwanger, und damit auch sehr glücklich bin. Ich habe schon vor einiger Zeit beschlossen, dass ich lieber kreativ wäre als reproduktiv, und somit bin und bleibe ich kinderlos.

Herrn Stephans Verkündung des Gegenteils übersieht andere Möglichkeiten, die dazu führen könnten, dass der Bauch einer Frau, die er offensichtlich als große, „faszinierende und verstörende“ Erscheinung in einem langen schwarzen Abendkleid wahrnahm, die in diesem Konzert mit Werken von Schubert, Bruch und Bach auftrat, für seinen Geschmack etwas zu groß war.

Um nur ein paar Ideen in den Raum zu werfen: Hepatitis, Schilddrüsenprobleme, Zysten, kürzlich überstandene Fehlgeburten, ein Dasein als schlemmender Lebemensch und/oder ein Ritterschlag in der Bourgogne ein paar Tage vor dem Konzert. Ich behaupte nicht, dass irgendetwas davon wahr ist, aber es könnte alles sein.

Die Begebenheit zeigt eine sehr verstörende Doppelmoral. Wenn ein Mann mit mehr Gewicht auf die Bühne träte, als Herrn Stephan lieb wäre, würde irgendjemand auch nur vermuten, dass es mit seinen Fortpflanzungsorganen zusammenhängen könnte? Hormonelle Störungen sorgen schließlich auch oft für Blähungen des Bauches, aber man kann sich nicht wirklich vorstellen, dass ihm ein solch überaus persönliches Problem einfiele – stattdessen würde er es einem ausschweifenden Lebensstil zuschreiben. Oder es natürlich gar nicht erst erwähnen.

Deutschland ist weniger als andere Länder im Neandertal angesiedelt, was die Geschlechtergleichstellung angeht, vor allem in letzter Zeit. Ich glaube daher eher, es liegt am Berufsfeld – der klassischen Musik, wo man immer noch viel zu sehr davon ausgeht, dass Mädchen brav etwas Hübsches auf der Harfe, Flöte, Geige oder am Klavier spielen und sich nie über das Vorgesehene hinauswagen, und dass Dirigenten, Komponisten und Erneuerer männlich sein müssen, um irgendwelche revolutionären Ideen hervorzubringen.

Diese Ansicht ändert sich langsam, aber sehr zögerlich. Ich freue mich, dass diesem deutschen Kritiker das Konzert gefiel, aber augenscheinlich beschloss er, dass ich schwanger sei, weil ihm das Erleichterung verschaffte. Dann müsste er sich nie wieder mit dieser großen wilden Hexe befassen, weil sie zuhause säße, um ihr Kind zu hüten.

Tja, sieht nicht so aus.

~Lara St. John

Übersetzung: Alexa Nieschlag

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